Kreuzottern fotografieren im Frühling

Jetzt, im zeitigen Frühjahr, bieten sich ideale Möglichkeiten um Norddeutschlands einzige Giftschlange, die Kreuzotter, (Vipera berus) zu fotografieren. An einem sonnigen Märztag bin ich mit Kamera und Makroobjektiv losgezogen, um das bundesweit stark gefährdete Reptil zu beobachten und abzulichten.

Wissenswertes

Vorab ein paar wissenswerte Hintergründe:

Die norddeutsche Tiefebene mit ihren vergleichsweise zahlreichen Moor- und Heidegebieten stellt einen bundesweiten Verbreitungsschwerpunkt der Kreuzotter dar. Hier oben in Schleswig-Holstein bin ich (noch) in der glücklichen Lage, einige (zum Teil individuenstarke) Vorkommen der Art in erreichbarer Nähe zu haben. Dennoch ist diese Giftschlange auch hier durch Lebensraumfragmentierung und -verlust im Bestand bedroht. Noch im 19. Jahrhundert waren 17% der schleswig-holsteinischen Landesfläche  mit Heiden bedeckt. Hoch- und Niedermoore machten zu dieser Zeit zusammen etwa 11% aus. Im Zuge von Aufforstungen, Entwässerungen und Torfabbau sind diese wichtigen Kreuzotterlebensräume weitestgehend verloren gegangen und heute nur noch in Fragmenten vorhanden (Winkler & Schmölcke 2005).  Infolge dessen hat die Kreuzotter im vergangenen Jahrhundert bedeutende Bestandseinbrüche erfahren. Neben dem Lebensraumverlust spielten dabei bis ins 20. Jahrhundert auch Kopfprämien auf erschlagene Ottern eine Rolle.

Der Frühling ist die beste Zeit, um Kreuzottern in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Teilweise bereits Ende Februar kommen zunächst die Männchen aus ihren Winterquartieren und nutzen in dieser Phase des Jahres jeden Sonnenstrahl zur Thermoregulation. Dies ist vor allem zur Reifung der Spermien notwendig – daher versteht es sich von selbst, dass Störungen der Tiere zu unterbleiben haben. Wer sich jedoch umsichtig und langsam im Kreuzotterhabitat bewegt, der hat die Chance auf eindrückliche Naturbeobachtungen. Dem Naturfotografen kommt im Februar und März entgegen, dass die Vegetation noch nicht so dicht gewachsen ist wie im Sommer und die Schlangen daher leichter zu entdecken sind. Auch verbleiben die Ottern aufgrund der relativ niedrigen Frühlingstemperaturen länger an ihren, in der Regel tradierten, Sonnplätzen.

Unterwegs im Kreuzotterhabitat

Mit meiner Sony A77II und dem Sigma 105mm Makroobjektiv im Gepäck sollte es an diesem sonnigen Samstag im März an drei verschiedene Kreuzotterspots gehen. Zunächst steuerte ich „mein“ lokales Revier an, in welchem ich die Schlangen bereits seit fünf Jahren regelmäßig erfasse. Dabei handelt es sich um eine Ruderalfläche, welche an ein mittlerweile vollständig mit Birken bewachsenes und entwässertes Hochmoor grenzt. Entlang krautiger und besonnter Säume halte ich Ausschau und muss nicht lange suchen. Im Altgras direkt vor mir liegt ein adultes Kreuzottermännchen. An ein Foto ist jedoch nicht zu denken – das Tier ist beinahe vollständig durch die Vegetation verdeckt. Nur das charakteristische zick-zack-förmige Rückenband ist zu erkennen. Ich ziehe weiter. Zwei Waldeidechsen nutzen ebenfalls die Sonnenstrahlen, um sich auf Betriebstemperatur zu bringen und erlauben einen näheren Blick. Zwei weitere Kreuzottern fallen mir einige Meter entfernt ins Auge, doch auch diese liegen zu verdeckt für eine halbwegs gescheite Aufnahme. Meine Chance sehe ich bei Exemplar Nummer 4. Das Tier liegt etwas weniger verdeckt auf alten Moospolstern und Gräsern. Mein Ziel für heute: Eine halbwegs ansehnliche in situ Aufnahme (lateinisch „am Ort“ – in der urprünglichen/natürlichen Position) von einer Kreuzotter. Das ist leichter gesagt als getan. Zunächst soll meine Präsenz das Tier nicht beunruhigen – daher muss ich mich langsam und umsichtig an die Viper heran bewegen. Das Foto möchte ich auf Augenhöhe machen, also heißt es runter auf den Boden für mich. Ich versuche die Otter zwischen die Gräser hindurch zu fotografieren, so dass das der Kamera zugewandte Auge scharf ist. Ein Grashalm direkt vor dem Kopf des Tieres macht mir jedoch im wahrsten Sinne einen Strich durch die Rechnung bzw. das Bild. Und das ist die Realität: Die meisten (sicherlich zum Teil ansehnlichen) Fotos von wunderbar vor dem Hintergrund freigestellten Reptilien und Amphibien, die man so im Netz findet, sind gestellt. Die Tiere wurden meist extra für die Aufnahme drapiert. In natura müssen die Reptilien darauf achten, bei der Thermoregulation nicht zu exponiert für Fraßfeinde zu liegen. Daher ist der nächste Busch oder Altgrasbüschel nie weit. Des Fotografen Leid ist des Tieres Schutz. Daher möchte ich meine unperfekte Aufnahme dem Leser nicht vorenthalten – die Natur ist eben kein Zoo oder Fotostudio:

Kreuzottern fotografieren
Männliche Kreuzotter beim Sonnenbad. 105 mm | f2.8 | ISO100 | 1/1250 Sek.

Ich ziehe weiter zum nächsten, an einem Flusstal gelegenen Kreuzotterlebensraum. Die Art bewohnt hier vor allem strukturreiche Knicks und Weißdornbestände. Weite Teile der Fläche werden jedoch derzeit von Rindern beweidet, so dass ich mich auf die Randbereiche konzentrieren muss. Leider bin ich diesmal nicht erfolgreich. In den letzten Jahren scheinen die Bestandszahlen der Kreuzotter hier, zumindest augenscheinlich, zurückgegangen zu sein. Ich schenke daher einer Waldeidechse (Zootoca vivipara) im Laub einer Straßenböschung meine Aufmerksamkeit:

Waldeidechse
Waldeidechse im Laub. 105 mm | f2.8 | ISO 100 | 1/800 Sek.

Diese unscheinbare Art ist das Reptil mit der weltweit größten Verbreitung und kann sogar oberhalb des Polarkreises angetroffen werden. Eine entscheidende Anpassung an kälteres Klima ist die Tatsache, dass Waldeidechsen (auch Moor- oder Bergeidechse genannt) lebendgebärend sind und die Jungen fertig entwickelt zur Welt kommen. Während der Embryonalentwicklung können die Weibchen gezielt thermisch begünstigte Bereiche aufsuchen. Eierlegende Arten wie die Zauneidechse (Lacerta agilis) sind hingegen darauf angewiesen, dass ihre Gelege durch die Sonnenwärme am Eiablageplatz ausgebrütet werden. Interessanterweise gibt es bei der Waldeidechse in wärmeren Regionen Südeuropas auch eierlegende Populationen – je nach Region hat die Art also unterschiedliche Fortpflanzungsstategien evolviert. Faszinierend, wie ich finde.

Gegen Nachmittag steuere ich die finale Station des Tages an. Die letzten offiziellen Kreuzotternachweise hier sind bereits einige Jahre alt und ich bin neugierig, ob ich noch Tiere antreffen werde. Die Popuation wies vor einigen Jahren eine Besonderheit auf: So war hier ein Großteil der Kreuzottern schwarz gefärbt (sog. Höllenottern). Diesen wurde in historischen Zeiten nachgesagt, besonders giftig zu sein. Dies ist jedoch Humbug. Diskutiert aber nicht eindeutig belegt ist, dass die schwarze Färbung thermoregulatorische Vorteile bietet. Vor Ort schreite ich, nun zusammen mit einem Kollegen, der die Fläche aus vergangenen Erfassungen kennt, eine südexponierte Gehölzkante auf einer besonnten Grünlandfläche ab:

Lebensraum Kreuzotter
Eine besonnte Gehölzkante als Kreuzotterlebensraum in Schleswig-Holstein. 

Bei dem Gebiet handelt es sich um ein in weiten Teilen mit Birken bestandenes, ausgetorftes und trocken gelegtes Hochmoor. Lediglich die Randbereiche sind derzeit noch ausreichend besonnt und bieten Reptilien Lebensraum. Pfeifengrasfluren und Heidereste im Kernbereich des Moores sind in Folge der Sukzession mittlerweile stark beschattet.

Moor
Weite Teile des Moores sind mit Birken bewachsen.

Glücklicherweise entdecken wir gleich zu Beginn auf der Grünlandfläche im Saum die erste Kreuzotter – ganz in Schwarz. Zumindest ein kleiner Bestand scheint sich also gehalten zu haben! Zwei Meter daneben genießt auch eine Ringelnatter die Frühjahrssonne. Langsam gehen wir die Gehölzkante ab und können insgesamt zwei weitere Kreuzottern beobachten, die sich auf unserem Rückweg zu einem gemeinsamen Sonnenbad eingefunden haben. Darunter befindet sich wiederum ein gänzlich schwarz gefärbtes Tier:

Schwarze Kreuzotter
Zwei Kreuzottern beim Sonnenbad – darunter ein Schwärzling.

Ich versuche mich noch in einigen weiteren in situ Aufnahmen. Um das Bild bei all der Vegetation etwas zu beruhigen, baue ich bei offener Blende etwas unscharfes Blattwerk in die Gestaltung mit ein. Die Schärfe setze ich manuell auf das Auge der Schlange. Eine ruhige Hand war in diesem Moment gefragt:

Kreuzotter Schleswig-Holstein fotografieren
Kreuzotter im Dickicht. 105 mm | f2.8 | ISO 100 | 1/1000 Sek.

Wohlwissend, keine preisträchtigen Aufnahmen gemacht zu haben, trete ich anschließend den Heimweg per Fahrrad an. Ich bin zufrieden, denn das Naturerleben stand im Vordergrund. Ich konnte meiner liebsten Tiergruppe nahe sein.

Wenn du dich nun möglicherweise auch für das Fotografieren von Reptilien und Amphibien begeistern kannst, dann lies doch dazu meinen zu dieser Thematik veröffentlichten Blogartikel. Dort findest du einige wertvolle Tipps. Hast du dich bereits in dieser fotografischen Disziplin versucht? Dann verlink deine Ergebnisse doch unten in der Kommentarspalte!

Literatur

Winkler, C. & U. Schmölcke (2005): Arealgeschichte der Amphibien und Reptilien Schleswig-Holsteins. In: Klinge, A. & C. Winkler (Bearb.): Atlas der Amphibien und Reptilien Schleswig-Holsteins. LANU SH (Hrsg.), Flintbek: 190-192 S.

13 comments

      1. Ja, zeitweise kann man darüber nur frustrieren. Aber die eigenen Bemühungen aufzugeben ist dann auch wieder keine Option. Im kleinen Rahmen kann glücklicherweise jeder etwas tun.

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  1. Hallo Patrick,

    ein sehr schöner Bericht. Leider bin ich nicht so der Spizialist zu Wissen, ob die Kreuzottern noch im Mittleren Neckartal anzutreffen sind.

    Bleib gesund.

    LG Bernhard

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    1. Hallo Bernhard,
      Ich bin mir da auch nicht sicher, da ich die Gegend nicht wirklich kenne. Eine Zeit lang war ich regelmäßig in Tübingen und habe in dem Zusammenhang natürlich auch nach Reptilien geschaut. Im Neckartal wirst du in den Weinbaugebieten mit alten Trockenmauern in jedem Fall die Schlingnatter finden können. Die Kreuzotter wird vermutlich eher in feucht-kühleren Lagen zu finden sein. So ist sie aus dem Schwarzwald und der Schwäbischen Alb bekannt. Im Norden Baden-Württembergs kommt dann als Besonderheit noch die Aeskulapnatter vor!

      Bleib ebenfalls gesund!
      Patrick

      Gefällt 1 Person

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