Die Schlangen Schleswig-Holsteins – ein kurzes Artenportrait

Kreuzotter Schleswig-Holstein

In der breiten Bevölkerung genießt die Artengruppe der Schlangen nicht gerade die größte Wertschätzung und unglücklicherweise sind diese Reptilien immer noch regelmäßig mit falschen Vorurteilen konfrontiert. Dass es sich bei Schlangen um faszinierende Lebewesen mit hochinteressanten Lebensweisen handelt, ist den wenigsten Menschen bewusst. Ich möchte mit diesem Artikel ein klein wenig Aufklärungsarbeit leisten.

Meine privaten wie dienstlichen Exkursionen zur Erfassung und Beobachtung von Schlangen in ihrem Lebensraum führe ich zum allergrößten Teil in Schleswig-Holstein durch. Daher möchte ich mich mit diesem Artikel auch zunächst auf die drei in Deutschlands nördlichstem Bundesland heimischen Schlangenarten konzentrieren. Bei diesen handelt es sich zugleich um die bundesweit am häufigsten anzutreffenden Arten:

  • die (östliche) Ringelnatter (Natrix natrix)
  • die Schlingnatter (Coronella austriaca)
  • die Kreuzotter (Vipera berus)

Diese werde ich im folgenden Artikel in Form von kurzen Artenportraits näher vorstellen.

Die vier weiteren in Deutschland heimischen Arten seien zunächst nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Dabei handelt es sich um die Barrenringelnatter (Natrix helvetica), welche erst 2017 als eigene Art beschrieben wurde, die Würfelnatter (Natrix tesselata), die Aeskulapnatter (Zamenis longissimus) sowie die Aspisviper (Vipera aspis) als einzige Giftschlangenart neben der Kreuzotter.

Schutz und Gefährdung

Einleitend möchte ich ein paar Sätze zum gesetzlichen Schutz sowie dem Gefährdungsstatus der heimischen Schlangenarten schreiben.

Alle in Deutschland heimischen Reptilienarten und somit auch alle heimischen Schlangenarten gelten als besonders geschützt. Darüber hinaus gelten einzelne Arten, z.B. solche, die in Anhang IV der FFH-Richtlinie gelistet sind, als streng geschützt. Aus diesem gesetzlichen Schutz ergeben sich nach §44 des Bundesnaturschutzgesetzes sogenannte Zugriffs-, Besitz- und Vermarktungsverbote. So ist es nach u.a. verboten

  • wild lebenden Tieren der besonders geschützten Arten nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten oder ihre Entwicklungsformen aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören
  • wild lebende Tiere der streng geschützten Arten und der europäischen Vogelarten während der Fortpflanzungs-, Aufzucht-, Mauser-, Überwinterungs- und Wanderungszeiten erheblich zu stören; eine erhebliche Störung liegt vor, wenn sich durch die Störung der Erhaltungszustand der lokalen Population einer Art verschlechtert
  • Fortpflanzungs- oder Ruhestätten der wild lebenden Tiere der besonders geschützten Arten aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören

Der vollständige Paragraf bzw. Wortlaut ist unter dem nachfolgenden Link abrufbar: §44 BNatSchG

Eine Gefährdungsbeurteilung der einzelnen Arten erfolgt (mehr oder weniger) regelmäßig in sogenannten Roten Listen. Diese werden sowohl für die einzelnen Bundesländer als auch für die gesamte Bundesrepublik erarbeitet. Die aktuellste Fassung der Roten Liste der Amphibien und Reptilien Schleswig-Holsteins stammt aus dem Jahr 2019 (Klinge und Winkler 2019).

Für die in Schleswig-Holstein heimischen Schlangenarten ergibt sich folgender Schutz- und Gefährdungsstatus:

ArtSchutzstatusGefährdung (in Schleswig-Holstein)
Ringelnatter (Natrix natrix)§gefährdet
Schlingnatter (Coronella austriaca)§§vom Aussterben bedroht
Kreuzotter (Vipera berus)§stark gefährdet
Legende: § = besonders geschützt, §§ = streng geschützt

Nun aber weg von eher trockenen Gesetzen und Gefährdungsbeurteilungen, hin zu den einzelnen Artportraits der in Schleswig-Holstein heimischen Schlangenarten.

Ringelnatter (Natrix natrix)

Bei der Ringelnatter handelt es sich um die in Schleswig-Holstein häufigste und am am weitesten verbreitete Schlangenart. Sie gehört zu den Europäischen Wassernattern (Gattung Natrix). So überrascht es dann auch wenig, dass die Ringelnatter, wie aus der Gattungszugehörigkeit abzuleiten ist, häufig in der Nähe von Gewässern wie z.B. Teichen, Seen, Bächen oder Feuchtgebieten zu finden ist, wo sie ihrer Hauptbeute (Amphibien) nachstellt. Waldränder und Moore stellen ebenfalls Lebenräume der Art dar. Nicht selten sind Ringelnattern auch in Gärten zu beobachten – insbesondere dann, wenn dort Teiche (und somit potenzielle Beute) oder Komposthaufen (zur Eiablage) vorhanden sind. Ein Grund zur Sorge ist das nicht – die Ringelnatter ist vollkommen harmlos für den Menschen und sucht in aller Regel schnell das Weite, wenn man sich ihr nähert.

Ringelnatter Schleswig-Holstein
Eine Ringelnatter (sowie eine Waldeidechse rechts daneben).

In Schleswig-Holstein ist die Ringelnatter mehr oder weniger landesweit, jedoch mit Verbreitungsschwerpunkt im östlichen Hügelland verbreitet. Die Marsch im Westen von Schleswig-Holstein ist vergleichsweise dünn durch die Art besiedelt. Verbreitungslücken bestehen auf den nordfriesischen Inseln und den Halligen – Beobachtungen von dort sind wohl meist auf Verschleppung (z.B. mit Baumaterial) zurückzuführen (Harbst 2005). In den letzten Jahren sind zumindest gebietsweise Ausbreitungstendenzen und Bestandszunahmen der Ringelnatter in Schleswig-Holstein zu beobachten.

Ringelnattern Schleswig-Holstein
Zwei Ringelnattern beim Sonnenbad.

Charakteristisch für die Ringelnatter sind die beiden gelben oder orangenen Halbmondflecken am Hinterkopf. Die Grundfärbung des Körpers ist meist silbergrau, jedoch kommen (wie bei der Kreuzotter) auch sehr dunkle und gänzlich schwarz gefärbte Tiere in der Natur vor. Die Rückenschuppen der Ringelnatter sind gekielt und die Kopfschuppen relativ groß. Ringelnattern erreichen Längen von bis über einen Meter, wobei die Männchen üblicherweise deutlich kleiner bleiben. Die Pupillen der Ringelnatter sind rund – in Deutschland ein eindeutiges Erkennungszeichen, dass es sich um eine ungiftige Schlange handelt. Nicht selten sind im Frühjahr zur Paarungszeit regelrechte Massenansammlungen von Ringelnattern zu beobachten, bei denen häufig eine Vielzahl an Männchen um ein Weibchen konkurrieren. Mein persönlicher Rekord lag bei über 50 Ringelnattern auf etwa 200 Meter Wegstrecke.

Die Ringelnatter ist für den Menschen vollkommen harmlos!

Schlingnatter (Coronella austriaca)

Die Schlingnatter ist in Schleswig-Holstein das seltenste Reptil. Sie ist, wie oben bereits erwähnt, im Bundesland vom Aussterben bedroht und ihre wenigen derzeit bekannten Vorkommen in Schleswig-Holstein sind stark verinselt und somit voneiander isoliert. Die Schlingnatter ist auf überwiegend besonnte, thermisch begünstigte und vielfältig strukturierte Lebensräume angewiesen, wie sie z.B. auf Trockenrasen, in Steinbrüchen, Blockhalden, alten Weinbergsmauern, an Waldrändern oder entlang von Bahndämmen zu finden sind. Ihre Lebensräume in Deutschlands nördlichstem Bundesland beschränken sich nach aktuellem Kenntnisstand ausschließlich auf Moor- und Heidegebiete. Dort findet sie die notwendige Heterogenität an Habitatstrukturen wie z.B. Deckung bietende Zwergsträucher, besonnte Gehölzkanten, offene Bodenstellen sowie Torfdämme als potentielle Winterquartiere. Neben diesem kleinräumigen Wechsel an Habitatrequisiten ist zudem eine hohe Dichte an Beutetieren in Form von anderen Reptilien (z.b. Zaun- oder Waldeidechsen, Blindschleichen) wichtig, da sich zumindest Jungtiere der Schlingnatter beinahe ausschließlich von diesen ernähren. Sogar junge Kreuzottern werden gelegentlich von Schlingnattern erbeutet.

Schlingnatter Schleswig-Holstein
Schlingnatter beim „Sonnenbad“.

Aktuell sind von der Schlingnatter nur Populationen in den zentralen, westlichen und südlichen Landesteilen auf der Geest bekannt. Vorkommen im östlichen Hügelland bestehen nach derzeitigem Kenntnisstand nicht mehr und die Marsch war auch in historischen Zeiten nicht von der Schlingnatter besiedelt. In den letzten Jahren wurden durch eine umfangreiche und gezielte Nachsuche einige Altvorkommen, nach teils Jahrzehnten ohne Nachweis, wieder bestätigt. Durch Zufallsfunde konnte die Schlingnatter 2019 und 2021 zudem auf zwei Flächen in Schleswig-Holstein erstmalig bestätigt werden. Seit 2004 wurde die Art in lediglich 11 Gebieten (verteilt auf die Kreisgebiete von Rendsburg-Eckernförde, Segeberg, Pinneberg und Dithmarschen) in Schleswig-Holstein festgestellt. Da sie sehr versteckt lebt und die Tendenz hat, nicht zu flüchten, wenn man sich ihr nähert, wird die Schlingnatter häufig übersehen. Zudem ist die Art vielen Menschen gar nicht bekannt und wird, wenn man sie dann doch einmal entdeckt, nicht selten mit der Kreuzotter verwechselt. Aufgrund der versteckten Lebensweise und den Erfahrungen aus den letzten Jahren im Rahmen der gezielten Nachsuche ist es nicht auszuschließen, dass weitere und bis dato unbekannte Vorkommen der Schlingnatter in Schleswig-Holstein existieren.

Schlingnatter Schleswig-Holstein
Schlingnatter in einem Moorgebiet in Schleswig-Holstein.

Die Schlingnatter ist eine kleine, schlanke und unscheinbare Schlangenart. Sie erreicht üblicherweise Längen zwischen 50 und 70 cm. Neben der silbergrauen bis braunen Grundfärbung weist sie entlang des Rückens zwei Längsreihen aus dunklen Flecken auf, welche mitunter auch zu Längslinien verschmelzen. Gerade in Bewegung kann diese Rückenzeichnung zu Verwechslungen mit der in Schleswig-Holstein häufig im gleichen Lebensraum vorkommenden Kreuzotter führen. Eindeutige Unterscheidungsmerkmale zu dieser sind die runden Pupillen der Schlingnatter sowie die glatten, ungekielten Schuppen (die Schuppen der Kreuzotter und auch Ringelnatter sind gekielt) aufgrund derer sie auch Glattnatter genannt wird.

Genau wie die oben genannte Ringelnatter ist die Schlingnatter für den Menschen absolut ungefährlich! 

Kreuzotter (Vipera berus)

Die Kreuzotter ist die einzige in Schleswig-Holstein vorkommende Giftschlangenart und zählt zur Familie der Vipern. Sie gilt im Bundesland aufgrund von Lebensraumverlust und Verinselung der Vorkommen als stark gefährdet. Bedeutende Lebensräume finden sich hierzulande in Hochmooren und Heidegebieten sowie auf Waldlichtungen und bzw. entlang von heterogen strukturierten und besonnten Waldrändern. In geringerem Umfang werden auch Ruderalfluren durch die Art besiedelt.

Kreuzotter Schleswig-Holstein
Kreuzottermännchen beim Sonnenbad.

In Schleswig-Holstein ist die Kreuzotter in den Naturräumen der Geest und des östlichen Hügellandes zu finden. Die Marsch und die Schleswig-Holsteinischen Nordseeinseln werden natürlicherweise nicht besiedelt.

Die Kreuzotter hat ein relativ breites Nahrungsspektrum bestehend aus Braunfröschen, Reptilien und Nagern. Vereinzelt werden sogar nestjunge Vögel erbeutet.

Kreuzotter Jungtier Schleswig-Holstein
Orange-rot gefärbtes Jungtier der Kreuzotter.
Kreuzotter Jungtier Schwärzling
„Schwärzling“ der Kreuzotter (Jungtier).

Das Erscheinungsbild dieser Viper ist überaus vielseitig. Üblicherweise hat sie eine graue bis rot-bräunliche Grundfärbung sowie das charakeristische, dunkle Zick-Zack Band auf dem Rücken, jedoch existieren auch komplett schwarze („Höllenotter“) und rote („Kupferotter“) Exemplare. Charakteristisch ist auch die geschlitzte Pupille, die hier in Deutschland ein eindeutiges Zeichen ist, dass man es mit einer Giftschlange zu tun hat. Die Kreuzotter ist eine eher gedrungen wirkende Schlange mit einer Durchschnittslänge von 50 – 60 cm. Wie bei der Schlingnatter werden deutlich größere Exemplare (>80 cm) i.d.R. nur in nördlicheren Breiten gefunden. Die Kreuzotter ist übrigens die einzige Schlangenart, die auch oberhalb des Nordpolarkreises, z.B. in Norwegen, angetroffen werden kann.

Wie erwähnt, ist die Kreuzotter eine Giftschlange. Vielen Menschen treibt der Gedanke an eine Begegnung mit so einem Gifttier den Angstschweiß auf die Stirn. Doch Angst ist unangebracht. Respekt sollten Sie ihr (wie jedem Wildtier) natürlich entgegenbringen. Solange man aber eine Kreuzotter nicht fängt, auf sie tritt oder anderweitig in die Enge treibt wird sie sich niemals aggressiv verhalten, sondern den Rückzug antreten oder Sie zumindest ignorieren. Es sind äußerst scheue Tiere, die kein Interesse daran haben, Menschen zu attackieren. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts war es tatsächlich so, dass eine Kopfprämie auf getötete Kreuzottern ausgesetzt wurde. So wurden die Tiere zu Tausenden erschlagen. Wer musste hier also wen fürchten? Bedenken sollte man v.a. eines: Die Kreuzotter benötigt ihr Gift zum Beuteerwerb. Es ist viel zu kostbar (da energieaufwendig zu produzieren), um es einfach durch einen Biss an einen Menschen zu verschwenden. Selbst wenn es zu einem Abwehrbiss kommen sollte, ist nicht gesagt, dass auch tatsächlich Gift injiziert wird. Die Giftmenge (des zugegebenermaßen potenten Giftes), die eine Kreuzotter produziert ist zu gering um einen gesunden, erwachsenen Menschen zu töten auch wenn die Symptome bei einem Biss durchaus unangenehm sein können. Komplikationen sind am ehesten bei Allergikern, Kindern oder sehr alten Menschen zu erwarten. Selbstverständlich sollte ein Kreuzotterbiss in jedem Falle ärztlich behandelt werden. Verhaltensregeln für den unwahrscheinlichen Falles eines Bisses durch die Kreuzotter verlinke ich hier. Um das Risiko zu minimieren, empfiehlt es sich in Gebieten mit (potenziellen) Kreuzottervorkommen festes Schuhwerk und lange Hosen zu tragen. Deutlich gefährdeter sind Hunde, bei einem Giftbiss der Kreuzotter ums Leben zu kommen. Hundebesitzer sollten daher ihrer Verantwortung nachkommen und ihren Hund in Lebensräumen der Kreuzotter sowie generell in Naturschutzgebieten (dort existiert in aller Regel eine Leinenpflicht) anleinen, um das Risiko für Bissunfälle zu minimieren. Eine Notfall-Checkliste für den Fall eines Bisses beim Hund verlinke ich hier.

Um zu beruhigen: Ich habe mittlerweile Hunderte dieser Tiere in ihrem natürlichen Habitat beobachten können, bin unzählige Male in Gebieten mit Kreuzottern unterwegs gewesen. Noch nie hat sich eine dieser Vipern mir gegenüber aggressiv verhalten. Wer sich vorsichtig und umsichtig bewegt, entdeckt vielleicht einmal eines dieser scheuen Tiere und kann sie in Ruhe beobachten, ohne dass sie gleich im nächsten Versteck verschwinden.

Literatur

Klinge, A. & C. Winkler (2019): Die Amphibien und Reptilien Schleswig-Holsteins – Rote Liste. Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein (Hrsg.). Flintbek.

Harbst, D. (2005): Ringelnatter Natrix natrix. In: Klinge, A. & C. Winkler (Bearb.) (2005): Atlas der Amphibien und Reptilien Schleswig-Holsteins. Landesamt für Natur und Umwelt des Landes Schleswig-Holstein (Hrsg.). Flintbek.

Autor: Patrick Pohlmann

Naturfotograf, Herpetologe